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Office Drama: Document Foundation deutet Meritokratie um

In einer neuerlichen Volte des Dramas um LibreOffice versucht sich die Document Foundation nun an einer Umdeutung des Meritokratie-Begriffs, indem sie die bürokratische Verwaltung eines vererbten Projektes kurzerhand zu Meriten erklärt.

Kürzlich berichteten wir über den Konflikt der Document Foundation (TDF) mit Collabora, in dessen Zuge fast sämtliche Entwickler und Urgesteine von der Document Foundation aus selbiger ausgeschlossen ("ejected") wurden - mit Hinweis auf einen laufenden, von der Document Foundation selbst angestrengten Rechtsstreites mit Collabora.

Nun ist dieses Drama um eine Volte reicher: Heute veröffentlichte die Document Foundation in einem Blogpost namens Our sense of meritocracy ihre Interpretation von Meritokratie. TLDR: Anfangs ist Meritokratie im engeren Sinne ja schön und gut. Allein, ist das Projekt erst zu großer Bedeutung herangewachsen, kann es ja nicht mehr angehen, dass jene entscheiden, die den Code und somit die Grundlage aller bauen. Stattdessen müsse die Verwaltung rund um das eigentliche Projekt an Gewichtung und Bedeutung gewinnen:

One version of meritocracy argues that governance authority should follow contribution, and that contribution is best measured through code. According to this view, the people who have contributed most to the code have the right to decide the project’s future, because they know the source code and have a personal stake in the most literal sense of the term.

This is not an unreasonable position for a project in its early stages. Although it is also necessary to consider infrastructure, raise funds, and manage relations with the media and institutions, when the main challenge is technical in nature, when the community is small, and when the stakes are low, it makes sense that those doing most of the work should also make most of the decisions.

The problem arises when the principle is carried forward unchanged into a very different context. A FOSS project that has been running for fifteen or twenty years, is used by millions of people, operates in a complex regulatory and legal environment, has enterprise users and political implications, is no longer the same thing. Applying the same governance from the early days to the reality of a large project does not produce good results, but rather a technically sophisticated and strategically blind organisation.

Und in deutscher Übersetzung:

Eine Auslegung der Meritokratie besagt, dass Entscheidungsbefugnisse sich nach dem Beitrag richten sollten und dass dieser Beitrag am besten anhand des Codes gemessen wird. Nach dieser Auffassung haben diejenigen, die den größten Beitrag zum Code geleistet haben, das Recht, über die Zukunft des Projekts zu entscheiden, da sie den Quellcode kennen und im wahrsten Sinne des Wortes ein persönliches Interesse daran haben.

Für ein Projekt in der Anfangsphase ist dies keine unvernünftige Position. Zwar ist es auch notwendig, sich um die Infrastruktur zu kümmern, Mittel zu beschaffen und die Beziehungen zu Medien und Institutionen zu pflegen, doch wenn die Hauptherausforderung technischer Natur ist, die Community klein ist und wenig auf dem Spiel steht, ist es sinnvoll, dass diejenigen, die den Großteil der Arbeit leisten, auch die meisten Entscheidungen treffen.

Das Problem entsteht, wenn dieses Prinzip unverändert auf einen ganz anderen Kontext übertragen wird. Ein FOSS-Projekt, das seit fünfzehn oder zwanzig Jahren läuft, von Millionen von Menschen genutzt wird, in einem komplexen regulatorischen und rechtlichen Umfeld agiert, Unternehmensnutzer hat und politische Auswirkungen mit sich bringt, ist nicht mehr dasselbe. Die Anwendung derselben Governance aus den Anfängen auf die Realität eines großen Projekts führt nicht zu guten Ergebnissen, sondern zu einer technisch hochentwickelten und strategisch blinden Organisation.

An Zynismus ist diese Aussage kaum zu übertreffen: Die Verwaltung durch in den Vorstand vorgerückte Kräfte, die selbst keine Zeile Code geschrieben haben, wird zum Selbstzweck erklärt - unter Verweis auf die Obsoleszenz der Entwickler, denen das Projekt ja augfrund der "komplexen regulatorischen und rechtlichen" Situation, der "Unternehmensnutzer" und der politischen Auswirkungen längst entwachsen sei. Der Erfolg der Entwickler wird als Ursache ihrer Obsoleszenz angeführt, frei nach der Devise: "Danke, dass ihr LibreOffice groß gemacht habt. Aber jetzt sind die Großen dran."

Not so fun fact: Wer sich die Mühe gemacht hat, den Blogpost der Document Foundation zu lesen, wird feststellen, dass da angeblich immer noch ein Italo Vignoli schreibt. Nur zu dumm, dass dieser bereits im April 2025 seinen unwiderruflichen Rücktritt verkündet hat:

🇬🇧 With this message, I hereby inform the Board of Directors, the Membership Committee and the TDF Trustees of my irrevocable resignation from the Board of Directors of The Document Foundation, effective immediately.

🇩🇪 Mit dieser Mitteilung teile ich dem Vorstand, dem Mitgliederausschuss und den Treuhändern der TDF mit, dass ich mit sofortiger Wirkung unwiderruflich aus dem Vorstand der Document Foundation ausscheide.

Zudem wird seitens Collabora bestätigt, dass Italo Vignoli aus der TDF ausgeschieden ist:

🇬🇧 The move is the culmination of TDF losing a large number of founders from membership over the last few years with: Thorsten Behrens, Jan ‘Kendy’ Holesovsky, Rene Engelhard, Caolan McNamara, Michael Meeks, Cor Nouws and Italo Vignoli no longer members.

🇩🇪 Dieser Schritt ist die Folge davon, dass die TDF in den letzten Jahren eine große Zahl von Gründungsmitgliedern verloren hat: Thorsten Behrens, Jan „Kendy“ Holesovsky, Rene Engelhard, Caolan McNamara, Michael Meeks, Cor Nouws und Italo Vignoli sind nicht mehr Mitglieder.

Insofern stellt sich die Frage, wer da eigentlich schreibt und warum diese Person dies unter dem Namen Italo Vignoli tut.

Fazit

Leider kommt es immer wieder vor, dass freie Projekte vom rechten Pfad abkommen und sich letztendlich selbst zerlegen. Und einmal mehr scheint es so zu sein, dass gierige Bürokraten sich in ein gemachtes Nest setzen, den Aufstand proben und versuchen die Kontrolle zu übernehmen, schließlich ist das Dealmaking gerade schwer im Trend, wie die Seite libreoffice.io eindrucksvoll illustriert:

Unter dieser Domain finden Sie nicht etwa einen Hinweis auf das frei erhältliche LibreOffice, sondern schamlose KI-Werbung (Scale.AI), die zynischerweise auch noch mit dem 99,99-prozentigen Ersatz für Ihre Bürokräfte (office workers) wirbt - auf einer Seite, die eigentlich eine freie Office-Suite bewerben sollte.
Wäre The Document Foundation noch funktional, wäre sie sicher an Tag 1 gegen diesen dreisten Scam vorgegangen, der die Domain libreoffice.io nutzt, um die wundersame Obsoleszenz ihrer Büroarbeiter durch KI zu bewerben - falsches Logo inklusive. Nichstsdestotrotz ist diese Scampage ungeachtet des Hinweises Collaboras noch immer online.

Insofern ist dies wohl die neueste Reinkarnation eines bekannten Hollywood-Klassikers mit Tom Cruise in der Hauptrolle: Live. Die. Repeat.


Ein Kommentar von Christian Spaan

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